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„Geschichte ist entscheidend, um die Gegenwart zu verstehen…“

Nachgefragt bei Norbert Crede, früherer Leiter des einstigen Stadtgeschichtlichen Museums in Schwerin

Das Gebäude des ehemaligen Stadtgeschichtlichen Museums in Schwerin am Großen Moor 38. Foto: M.M.

Es ist tatsächlich so. Vor 13 Jahren hatte Schwerin noch ein Stadtgeschichtliches Museum, das am Großen Moor 38 zwischen 1985 und 2005 zu finden war. Seit 2005 ist das aber „Historie“. Ein spezielles Museum zur Geschichte und Entwicklung gibt es leider nicht mehr. An der Geschichte Schwerins Interessierte können allerdings die Dauer-Ausstellung zur Schweriner Geschichte in den „Schweriner Höfen“ am Marienplatz besuchen – freilich kein Ersatz für ein Stadtgeschichtsmuseum…

Inzwischen besteht auch der Historische Verein Schwerin e.V., dessen Verdienst auch die besagte Dauer-Ausstellung ist. Vorsitzender des Vereins ist Norbert Crede, der frühere Leiter des Stadtgeschichtlichen Museums in Schwerin.

Der SCHWERIN-BLOG fragte bei Norbert Crede nach

Norbert Crede über die Notwendigkeit eines neuen Stadtgeschichtlichen Museums in bzw. für Schwerin, die Dauer-Ausstellung zur Schweriner Geschichte in den „Schweriner Höfen“, den Historischen Verein Schwerin und dessen Aktivitäten und künftige Herausforderungen

„Geschichte ist entscheidend, um die Gegenwart zu verstehen…“

Frage: Schwerin ist immer noch auf der Suche nach eine neuen Stadtgeschichtsmuseum… Viele Standorte waren schon in der Diskussion. Oft ging es um den „schnöden Mammon“. Wie beurteilen Sie die Chancen Schwerins auf ein neues Stadtgeschichtliches Museum?

Blick in die Dauer-Ausstellung in den „Schweriner Höfen“. Foto: M.M.

Norbert Crede: Im vergangenen Jahr hat die Stadtvertretung auf der Grundlage eines Konzepts für ein neues Museum zur Geschichte der Landeshauptstadt Schwerin beschlossen, geeignete Räume für ein solches zu finden und eine Kostenuntersuchung vorzunehmen.

Seitdem ist in dieser Richtung nichts geschehen, denn die Vereinbarung mit dem Innenministerium des Landes Mecklenburg-Vorpommern verbietet nach Aussagen des OB und des Kulturdezernenten neue Projekte im Bereich der sogenannten „freiwilligen Aufgaben“. Außerdem sei kein Geld für ein neues Stadtgeschichtsmuseum vorhanden. Kultur sowie kulturelle und historische Bildung, die ein solches Museum leisten würde, zu „freiwilligen Aufgaben“ zu rechnen, spricht in meinen Augen Bände.

Zudem scheinen viele – nicht nur Entscheidungsträger, sondern auch Schwerinerinnen und Schweriner, die ein neues Museum unterstützen könnten und würden – nicht zu wissen, was moderne Museen leisten können, vorausgesetzt, man gibt einem Museum die Möglichkeiten, mit Medien, originalen Sachzeugen und ausstellungsbegleitenden museumspädagogischen Projekten und Veranstaltungen, die Stadtbürger anzusprechen und einzubinden.

Insofern sehe im nächsten Jahrzehnt keine Chance für ein neues Stadtgeschichtsmuseum in Schwerin, wenn man heute noch nicht weiß, wo es hin soll und keine Mittel bereitstellt. Die bauliche und inhaltlich-konzeptionelle Planung und Umsetzung eines neuen Museum inklusive Ausstellung wird  – andere Beispiele lehren dies – mindesten acht bis zehn Jahre in Anspruch nehmen; zumindest wenn es dann auch attraktiv und interessant für die Stadt, ihre Bewohner und Touristen werden soll.

Frage: Zurzeit gibt es eine Dauer-Ausstellung zur Schweriner Geschichte in den „Schweriner Höfen“ – ein Verdienst Ihres Vereines. Was können interessierte Besucher dort erfahren? Gibt es auch begleitende Vorträge zu dieser Ausstellung?

Ausstellungsobjekt der Dauer-Ausstellung… Foto: M.M.

Norbert Crede: Die Ausstellung ist nicht allein das Verdienst des Historischen Vereins. Ohne die finanzielle und ideelle Förderung durch die Schweriner Höfe, der Eigentümer und Geschäftsleute dort, wäre sie niemals zustande gekommen und würde auch nicht weiter geführt werden können.

Mitglieder des Vereins haben die Ausstellung konzipiert und aufgebaut. Die Exponate stammen aus der Stadtgeschichtlichen Sammlung und geben einen Überblick über die Entwicklung Schwerins von den Anfängen der slawischen Burg bis in die Gegenwart. Aus verschiedenen Gründen dominieren Modelle der Stadt und einzelner Häuser die Ausstellung. Informationstafeln vermitteln in Text und Bild Wissenswertes zur Stadtgeschichte.

Seit Anfang des Jahres 2017 hat die Stadt Schwerin die Ausstellung übernommen, die jetzt vom Historischen Verein nur noch betreut wird. Wir würden sie gern ausbauen und modernisieren, mediale Informationen einbauen und vor allem um Bilder und Exponate aus dem Leben der Menschen in der Stadt ergänzen. Aber da der Historische Verein nur der Begleiter der Ausstellung ist, sind uns in diesem Bereich die Hände gebunden.

Als Verein bieten wir Führungen in der Ausstellung an. Es haben dort auch schon verschiedene Veranstaltungen zur Kultur in Schwerin und zur Stadtgeschichte stattgefunden. In diesem Jahr, dem 1000. nach der Ersterwähnung Schwerins in einer mittelalterlichen Chronik, laden wir zu Rundgängen von der Ausstellung um den mittelalterlichen Stadtkern ein: „1000 Jahre in 1000 Schritten entdecken“, immer Sonnabends um 15.00 Uhr, Start ist in der Ausstellung.

Seit Februar 2018 liegt die Ausstellung auch zum Mitnehmen vor. Der Historische Verein hat im ersten Heft der „Blätter zur Schweriner Geschichte“ die Texte und zahlreiche Bilder der Ausstellung drucken lassen, so dass sich Interessenten damit in Ruhe zuhause beschäftigen können.

Die gemeinsam vom Historischen Verein und dem Verein der Freunde der mecklenburgischen Volkskunde, Klöndör e.V., veranstaltete Vortragsreihe „Forum Geschichte & Volkskunde“ findet aus organisatorischen Gründen weiterhin im Schleswig-Holstein-Haus statt. In dieser Reihe werden neue Forschungsergebnisse zur Stadtgeschichte oder interessante Projekte, Bücher usw. vorgestellt. Das Format wechselt dabei durchaus zwischen dem klassischen Vortrag bis zu musikalisch untermalten Gesprächsrunden.

Frage: Ihr Verein engagiert sich sehr um eine fundierte geschichtswissenschaftliche Dokumentation Schwerins. Fühlen Sie sich dabei von der Stadtspitze ausreichend unterstützt? Sie sprachen es ja schon an…

Auch zu sehen in der Dauer-Ausstellung… Foto: M.M.

Norbert Crede: Es ist nicht nur der Historische Verein Schwerin, der sich um eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Stadtgeschichte bemüht. Wir leisten zwar auch eigene Forschungsarbeiten, insbesondere zur Unterstützung anderer Projekte, verstehen uns aber eher auch als Koordinierungsinstitution verschiedener externer Arbeiten und vor allem als Forum zur Präsentation, beispielsweise in der Vortragsreihe oder in den gerade gestarteten „Blättern zur Schweriner Geschichte“.

Wir unterstützen die Bewerbung Schwerins um den Status des UNESCO-Weltkulturerbes, wir kooperieren mit anderen Vereinen, wenn es um historische Projekte geht oder wir vermitteln Wissen zur Stadtgeschichte in Ausstellungen – aktuell in der Ausstellung zur Geschichte der Tabakfabrik UNITAS in den Schweriner Höfen. Die Zusammenarbeit mit städtischen Einrichtungen und Behörden ist dabei problemlos, wir unterstützen uns fachlich gegenseitig, unabhängig von der Stadtpolitik.

Frage: Welchen weiteren Aktivitäten widmet sich der Historische Verein Schwerin e.V.?

Schau-Tafeln und fundierte Texte informieren über die Geschichte Schwerins. Foto: M.M.

Norbert Crede: Unser Hauptziel ist weiterhin, die Wiedereinrichtung eines modernen und attraktiven Stadtgeschichtsmuseum für Schwerin. Alle Bemühungen dazu finden unsere Unterstützung. Wir engagieren uns beispielsweise auch im Bereich der Sammlung zur Stadt- und Regionalgeschichte.

So haben wir in diesem Jahr Geld gesammelt für die Restaurierung des Gemäldes „Die Großherzogliche Jacht Alexandrine“, das schwere Schäden aufweist, aber bis Ende des Jahres fachmännisch wiederhergestellt werden soll. In diesem Bereich werden wir sicherlich weitere Vorhaben starten, der Bedarf ist aufgrund der Vernachlässigung der Sammlungsbestände enorm.

Alle zwei Jahre unterstützen wir die Stadt bei der Durchführung der „Tage der Industriekultur am Wasser“, veranstaltet von der Metropolregion Hamburg. An unserem Informationsstand an der Hafenpromenade zeigen wir dann eine Ausstellung zur Geschichte des Schweriner Hafens am Ziegelsee und der ehemals dort tätigen Industriebetriebe.

Und wir werden weiterhin immer wieder dazu beitragen, die Lücken in der Schweriner Geschichte als Residenz- und Hauptstadtgeschichte zu schließen und versuchen, die Geschichte als Grundlage für Gegenwart und Zukunft im öffentlichen Bewusstsein zu halten.

Letzte Frage: Ganz kurz… Warum sollte aus Ihrer Sicht Schwerin wieder ein Stadtgeschichtsmuseum erhalten?

Modell des alten Schwerins in der Dauer-Ausstellung. Foto: M.M.

Norbert Crede: Schwerin ist die älteste Stadt Mecklenburgs und versteckt ihre Geschichte. Es ist absurd, wenn Schwerinerinnen und Schweriner den Touristen nicht erklären können, warum die Stadt so aussieht, wie sie aussieht, warum eine Straße so heißt, wie sie heißt oder welche Persönlichkeiten die Stadt geprägt haben. Das Schloss ist zwar einzigartig, aber nicht alles und vor allem nicht die Stadt.

Wer sagt uns heute, wie die Menschen damals lebten, besonders wer zeigt dies anschaulich? Das kann nur ein Museum leisten!

Und: Geschichte ist entscheidend, um die Gegenwart zu verstehen, um eine Bindung zur Stadt aufzubauen, in der man arbeitet und lebt, um deren Strukturen zu erkennen und um hier eine Heimat zu finden.

Zu alldem kann ein Stadtmuseum einen wichtigen Beitrag leisten, wenn es anschaulich, authentisch und lebendig ist. Man stelle sich vor, Schwerin wird mit dem Residenzensemble Weltkulturerbe und hat kein Museum zur eigenen Geschichte: …Geht das?

Vielen Dank und weiterhin bestes Engagement im Hinblick auf ein neues Stadtgeschichtliches Museum in Schwerin!

M.Michels

 

 


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