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Schwerin vor 30 Jahren: Zwischen „Gorbi“-Hoffnung und „Miss“lichkeiten

Ist nun alles i. O. …

Wenigstens haben heute alle einen Farbfernseher… M.M.

Tja, das waren noch Zeiten vor 30 Jahren in Schwerin. Ein Hauch von Glasnost und Perestroika durchwehte auch die Bezirkshauptstadt Schwerin, die damals noch 131000 Einwohner zählte.

„Befreit uns noch mal“

Am damaligen sowjetischen „Panzer-Denkmal“ an der B 104 gegenüber vom damaligen Jagdhaus Schelfwerder stand „Befreit uns noch mal“. Im November 1988 verbot de facto die SED-Führung die sowjetische Zeitschrift „Sputnik“, weil diese in ihren Ausgaben Stalins Verbrechen schonungslos thematisierte, die mit jenen Hitlers verglichen wurden, die extremen Folgen des Hitler-Stalin-Paktes darlegte und auch die Rolle der KPD während der Weimarer Republik kritisch kommentierte. Das war den DDR-Apparatschiki „ein Dorn (nicht nur) im Auge“… Medial distanzierte sich das Block-Regime der DDR, maßgeblich getragen von SED, Ost-CDU, LDPD, NDPD und Bauernpartei, vom „Großen Bruder“. Ein weiterer Sargnagel für die DDR-Diktatur…

Gelacht wurde dennoch

Ansonsten wurde in Schwerin durchaus gelacht und sogar getanzt, so im „Resi“ am Markt, im Strandhotel in Zippendorf, in der „Venus“-Tanzbar am Berliner Platz, im Lese-Cafe am Pfaffenteich oder im 1969 eröffneten ACHTECK, das seit 1974 fort folgend auch Diskothek war. Eigentlich sollte während der Tanzveranstaltungen 60 Prozent Ost-Musik und nur 40 Prozent Westmusik gespielt werden, aber kaum ein DJ damals hielt sich daran.

Getanzt wurde zur Musik von Depeche Mode, die 1988 sogar live in Ost-Berlin auftraten. Außerdem gab es natürlich Songs von Kylie Minogue „I should be so lucky…“), Ofra Haza, den Pet Shop Boys, Sandra, CC Catch, durchaus auch Modern Talking, Modern Trouble, den legendären Milli Vanilli, Rick Astley, Madonna oder auch Whitney Houston. Bobby McFerrins „Don`t Worry! Be Happy!“, war fast schon zynische Maxime in der DDR und in Schwerin 1988.

Zwei Lieder des Jahres 1988 bewegten aber ganz besonders – „Hand in Hand“ von Koreana und „One Moment in Time“ von Whitney Houston. Zwei Songs aus Anlaß der Olympischen Spiele 1988, bei denen es auch goldene Momente für Schwerin gab.

Olympia-Gold auch für Schwerin

Andreas Zülow holte Olympia-Gold im Leichtgewicht und Jürgen Schult (beide SC Traktor Schwerin) erreichte ebenfalls Olympia-Gold im Diskuswerfen. Sein Diskus-Gold am 1.Oktober 1988 war die letzte olympische Goldmedaille für die DDR überhaupt… Zehnkampf-Silber erkämpfte Torsten Voss, Silber schaffte zudem Box-Ass Andreas Tews im Fliegengewicht. In der Schweriner Traditionssportart Frauen-Volleyball belegten die „Traktoristinnen“ Dörte Stüdemann bzw. Ute Steppin Rang fünf mit dem DDR-Team.

Zwischen Kino, TV und VEB

Im Capitol Schwerin wurden Filme, wie Dietmar Hochmuths „In einem Atem“, Lothar Warneckes „Einer trage des anderen Last…“, Roland Gräfs „Fallada – Letztes Kapitel“ oder Jürgen Brauers „Das Herz des Piraten“ gezeigt. Im TV hieß es noch „zu Besuch im Märchenland“ mit Pitti, Schnatterinchen, Onkel Uhu, Meister Schwarzrock, Herrn Fuchs und Frau Elster, Mauz und Hoppel, Borstel und Frau Igel.

Schwerin fand dabei immer mal wieder Berücksichtigung im DDR-Fernsehen. So wurde 1988 auch eine Sendung über die segelsportliche Jugendarbeit der BSG Tiefbau Schwerin präsentiert.

Schweriner Stadtoberhaupt war 1988 noch Helmut Oder von der SED. Es gab noch das VEB Plastmaschinen-Werk, das VEB Kombinat Lederwaren oder den VEB Hydraulik Schwerin – gemäß dem Motto „Was des Volkes Hände schaffen, ist des Volkes Eigen…“ Oder noch besser – nach Frieda Hockauf: „So wie wir heute arbeiten, so werden wir morgen leben.“ Leider gab es da in der Tat einen Zusammenhang, aber einen, den die SED-Führung negierte…

Zerfall und Mangelwirtschaft

Die Innenstadt Schwerins zerfiel immer mehr, auf den Trabbi mußte man jahrelang warten und die Geschäfte hatten nur sehr übersichtliche Waren-Angebote. Wer viel „Alu-Chips“, also DDR-Mark, besaß, kaufte in den Exquisit-Läden. Wer von der buckligen West-Sippe ein paar D-Märker bekam, erwarb Schoko-Riegel, Jeans und Matchbox im „Intershop“, den es unter anderem in Görries und im Schweriner Hauptbahnhof gab.

Die Umweltverschmutzung war auch in Schwerin immens. Umweltgruppen protestierten gegen den Herbizideinsatz in der Innenstadt Schwerins, kritisierten mangelnde Grünflächen auf dem Großen Dreesch und monierten fehlende Radwege. Kulturschaffende übten auch in Schwerin indirekte und direkte Kritik an der real existierenden sozialistischen Politik in Schwerin. Legendär Christoph Schroth in seiner Zeit als Schauspieldirektor am Mecklenburgischen Staatstheater von 1964 bis 1989…

Ansonsten hofften viele in Schwerin 1988 – „mit der geballten Faust“ in der Tasche -auf politische Veränderungen auch in der DDR durch „Gorbi“.

Die „Radio Jerewan“-Witze machten auch in Schwerin ihre Runden. Zwei Jahre nach dem Super-GAU von Tschernobyl lautete einer… Frage an „Radio Jerewan“: „Darf ich jetzt wieder Äpfel aus Tschernobyl essen?“  Antwort: „Im Prinzip ja, aber die Kerne müssen Sie danach in einem Bleifass vergraben.“.

„Miss“lichkeiten auf der Freilichtbühne

Zwar hatte – sportlich betrachtet – Schwerin nicht „das schönste Gesicht des Sozialismus“. Das gehörte seinerzeit bekanntlich Katarina Witt, die 1988 in Calgary zum zweiten Mal Eiskunstlauf-Olympiasiegerin wurde… Aber: Schwerin hatte nach einigen Jahrzehnten wieder eine offizielle „Miss Schwerin“. Simone Gladasch errang den Titel im Juni 1988 während des SVZ-Pressefestes auf der Schweriner Freilichtbühne. Im Juni 1988 fand auch die Fußball-EM in Westdeutschland statt – wieder ohne die DDR, aber mit Schweriner Fußball-Fans vor den Bildschirmen. Die Niederländer holten sich den Titel – vor der UdSSR, Deutschland-West bzw. Italien.

Und nun?!

Tja, 30 Jahre später hat sich Schwerin enorm verändert. Die Innenstadt, die Kirchen, das Schloss-Ensemble, der Schloßgarten – alles erstrahlt in neuer Pracht.

Ist aber alles gut? Nein, leider nicht. Wie in anderen Städten auch, so gilt dieses erst recht für Schwerin: Je weiter man das Stadtzentrum verläßt, um so mehr wird eine bedrückende Tristesse, mit einigen Bau-Sünden nach 1990, deutlich. Bisweilen hat der objektive Beobachter den Eindruck, dass zwar die Gebäude im Stadtzentrum erstrahlen, dafür aber die Menschen verfallen. Das war im real existierenden Sozialismus noch umgekehrt…

Ähnliches gilt – Marx feiert ja aktuell seinen 200.Geburtstag – für „die Ausbeutung“: Im Sozialismus wurde ja der Mensch durch den Menschen ausgebeutet, im Kapitalismus ist es nunmehr „umgekehrt“…

Na ja, mal schauen, was die nächste Wende, der nächste „Regime change“ mit sich bringen wird…

Marko Michels

 


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